
Rund 300 Festnahmen bei Gedenken an Pinochet-Putsch von 1973 in Chile
In Chile nimmt die Polizei rund 300 Menschen fest, während der Staat erstmals seit 1990 auf einen offiziellen Akt zum Putschgedenken verzichtet.
In Chile hat die Polizei bei Kundgebungen zum Gedenken an die Opfer der Pinochet-Diktatur mehr als 280 Menschen festgenommen. Das teilte die Regierung am Samstag mit. In mehreren Städten gingen Menschen auf die Straße, um an den Militärputsch vom 11. September 1973 zu erinnern.
Der Putsch stürzte damals die gewählte Regierung von Salvador Allende und leitete eine Diktatur ein, die bis 1990 andauerte. Nach offiziellen Angaben wurden in dieser Zeit mehr als 3.000 Menschen getötet oder verschleppt. Zehntausende wurden verhaftet, viele gefoltert. Das Gedenken an diese Jahre prägt die Politik des Landes bis heute.
In diesem Jahr verzichtete der Staat erstmals seit der Rückkehr zur Demokratie 1990 auf einen offiziellen Gedenkakt. Präsident ist seit März José Antonio Kast, der erste Staatschef aus dem rechten Lager seit Pinochet. Nach Angaben des Sicherheitsministers Arrau befanden sich unter den Festgenommenen rund 30 Minderjährige. Kast erklärte, er könne die Geschichte nicht auslöschen und werde die Landsleute nicht bitten, ihre Zukunft von der Vergangenheit bestimmen zu lassen.
Offen bleibt, wie viele der Festgenommenen angeklagt werden und welche Vorwürfe konkret erhoben werden. Der Umgang mit dem Erbe der Diktatur dürfte in Chile weiter umstritten bleiben, zumal die Zahl der Festnahmen deutlich über der des Vorjahres lag.
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Chile steckt in einem echten Dilemma zwischen notwendiger Aufarbeitung und dem Wunsch, die Spaltung nicht jährlich zu vertiefen. Ein Staatsakt kann versöhnen oder polarisieren, je nachdem, wer ihn ausrichtet. Genau deshalb gibt es auf die Frage, wie ein Land seiner Diktatur gedenkt, keine einfache Antwort.
Die Berichte nennen die Zahl der Festnahmen, aber nicht, welche Straftaten den Betroffenen vorgeworfen werden. Auch die Sicht der Opferverbände auf den ausgefallenen Staatsakt kommt in den Quellen nicht vor.
Der Putsch vom 11. September 1973 stürzte den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende und begründete die 17 Jahre währende Diktatur Pinochets. Das Gedenken an ihre über 3.000 Toten ist in Chile ein zentraler Bezugspunkt der politischen Identität.
Ausgerechnet im ersten Amtsjahr eines Präsidenten aus dem rechten Lager fällt der offizielle Staatsakt zum Putschgedenken erstmals seit über drei Jahrzehnten aus. Ob bewusste Zäsur oder Terminfrage, das Signal an eine tief gespaltene Erinnerungskultur ist unübersehbar.