
Foto: BBC News
Ungarns Präsident Sulyok unterzeichnet unter Druck der Magyar-Partei seine eigene Absetzung
Ungarns Präsident Sulyok unterzeichnet unter Druck von Premier Magyar eine Verfassungsnovelle, die seine eigene Amtszeit am Montag beendet.
Ungarns Präsident Tamás Sulyok hat eine Verfassungsänderung unterzeichnet, die seine eigene Amtszeit beendet. Damit endet sein Mandat am Montag. Die regierende Tisza-Partei von Ministerpräsident Péter Magyar hatte das Gesetz zuvor durch das Parlament gebracht.
Sulyok gilt als politischer Weggefährte des im April abgewählten Langzeitregierungschefs Viktor Orbán. Magyar hatte ihn als Marionette der alten Regierung bezeichnet und seit Monaten zum Rücktritt gedrängt. Nach dem Parlamentsbeschluss vom Montag setzte er dem Staatschef eine Frist von fünf Tagen und drohte andernfalls ein Amtsentzugsverfahren an. Sulyok, ein früherer Verfassungsrichter, erklärte, er habe keine rechtliche Möglichkeit gesehen, dagegen vorzugehen.
Für die Novelle stimmten am Montag 139 Abgeordnete, Orbáns Fidesz-Partei boykottierte die Sitzung. Mit ihrer Zweidrittelmehrheit kann Tisza die Verfassung im Alleingang ändern. Die Reform begrenzt auch die Amtszeiten von Verfassungsrichtern und Abgeordneten. Sulyok sprach von einem Wendepunkt in Ungarns Verfassungsdemokratie und einem historischen Beispiel für den Missbrauch politischer Macht. Magyar erklärte, man gebe den Bürgern die Gewissheit zurück, dass Macht begrenzt sei.
Bis zur Wahl eines neuen Staatsoberhaupts übernimmt Parlamentspräsidentin Ágnes Forsthoffer die Befugnisse. Dafür bleiben 30 Tage, gewählt wird der Präsident vom Parlament. Orbán nannte die Änderung einen Akt der Tyrannei und rief zu Protesten auf.
Fünf Blickwinkel auf dieselbe Nachricht — tippe dich durch.
Hier kollidiert der Wählerwille mit dem Schutz der Institutionen. Ein Erdrutschsieg verleiht Legitimität, doch dieselben Instrumente, die Orbans System abwickeln, können später gegen jede Opposition gerichtet werden. Dass ausgerechnet ein früherer Verfassungsrichter vor dem Präzedenzfall warnt, macht das Dilemma greifbar.
Der ungarische Präsident wird vom Parlament gewählt und hat vor allem repräsentative Aufgaben. Magyars Tisza-Partei verfügt seit ihrem Wahlsieg im April über eine Zweidrittelmehrheit, mit der sie die Verfassung ohne die Opposition ändern kann; Orbáns Fidesz hatte 16 Jahre lang mit ebensolchen Mehrheiten regiert.
Um Orbáns Machtapparat abzuwickeln, greift Magyar zu genau dem Instrument, mit dem Orbán den Staat einst umgebaut hatte: der Zweidrittelmehrheit, die Verfassungsänderungen im Alleingang erlaubt. Es ist bereits die siebzehnte Verfassungsnovelle seit 2011. Ob sich ein System per Zweidrittelmehrheit rückabwickeln lässt, ohne dessen Methoden zu übernehmen?